Wenn das Kribbeln im Bauch verschwindet –über Funktionieren, Verantwortung und Teamkraft
- 31. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn das Kribbeln im Bauch verschwindet – über Funktionieren, Verantwortung und Teamkraft
Im ersten Beitrag ging es um dieses Kribbeln im Bauch: das Gefühl von Lebendigkeit, das entsteht, wenn Zusammenarbeit menschlich ist und echte Verbindung spürbar wird.
Viele Menschen kennen dieses Gefühl.
Und ebenso viele erleben, dass es im Arbeitsalltag nach und nach schwächer wird.
Nicht plötzlich.
Nicht dramatisch.
Sondern schrittweise.
1. Wenn Verantwortung den Raum zwischen Menschen füllt
Im Gesundheits- und Sozialbereich tragen Menschen viel Verantwortung.
Für andere Menschen. Für Abläufe. Für Entscheidungen, die oft unter Zeitdruck getroffen werden müssen.
Ein Dienstplan, der gerade noch aufgeht.
Ein Gespräch, das eigentlich mehr Zeit bräuchte.
Ein Teammeeting, in dem das Wesentliche unausgesprochen bleibt, weil der nächste Termin schon wartet.
Verantwortung bedeutet hier selten nur Organisation.
Sie bedeutet emotionale Präsenz, Fürsorge und ständiges Mitdenken.
Und genau diese Verantwortung lässt oft wenig Raum für das, was zwischen Menschen geschieht.
2. Funktionieren als stille Anpassung
Wenn Belastung zunimmt, greifen viele unbewusst zu dem, was Sicherheit gibt:
Routinen. Abläufe. Gewohnte Wege.
Man macht weiter.
Erledigt, was ansteht.
Hält den Betrieb am Laufen.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Pflichtgefühl und Loyalität.
Funktionieren wird zum Schutz.
Doch mit der Zeit verändert sich etwas.
Gespräche werden kürzer.
Nachfragen seltener.
Blicke wandern schneller zur Uhr oder zur nächsten Aufgabe.
Das Kribbeln im Bauch weicht einer inneren Distanz, die kaum jemand offen benennt.
3. Wenn Professionalität den inneren Kontakt ersetzt
Viele Menschen im beruflichen Kontext haben gelernt, professionell zu sein:
verlässlich, belastbar, lösungsorientiert.
Auch dann, wenn sie müde sind.
Auch dann, wenn sie innerlich zweifeln.
Auch dann, wenn etwas eigentlich ausgesprochen werden müsste.
Die Frage „Wie geht es mir gerade in dieser Zusammenarbeit?“ tritt zunehmend in den Hintergrund.
Nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil sie im Alltag keinen Platz findet.
So entsteht eine Professionalität, die funktioniert, aber innerlich an Tiefe verliert.
4. Teamkraft geht selten verloren – sie wird überlagert
In vielen Teams ist Teamkraft nicht verschwunden.
Sie liegt unter Schichten von Zeitdruck, Personalmangel und strukturellen Anforderungen.
Menschen wollen sich austauschen, aber es fehlt der Moment.
Konflikte werden nicht ausgetragen, sondern umgangen.
Wertschätzung wird empfunden, aber nicht ausgesprochen.
Was entsteht, ist keine fehlende Motivation, sondern eine schleichende Entfremdung:
von sich selbst, voneinander, vom ursprünglichen Sinn der eigenen Arbeit.
Und oft auch eine stille Sehnsucht:
nach mehr Verbindung,
nach echtem Austausch,
nach einem Miteinander, das sich wieder stimmig anfühlt.
5. Der feine Hinweis im Alltag
Veränderung beginnt in diesen Zusammenhängen selten mit großen Entscheidungen.
Sie beginnt in kleinen Momenten:
in einem inneren Zögern vor dem nächsten Termin,
in der Frage, warum ein Gespräch nachwirkt,
in dem Gefühl, dass etwas fehlt, ohne es genau benennen zu können.
Diese Irritation ist kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist oft ein Hinweis.
Ein Hinweis darauf, dass das Kribbeln nicht verschwunden ist,
sondern überlagert wurde.
6. Ein offener Gedanke zum Schluss
Vielleicht darf es im Arbeitsalltag nicht mehr darum gehen, nur noch besser zu funktionieren.
Vielleicht geht es vielmehr darum, dem Menschen wieder Raum zu geben.
Jenseits von Rollen, Zuständigkeiten und Erwartungen.
Teamkraft entsteht nicht aus Perfektion.
Sie wächst dort, wo Menschen sich gesehen und gehört fühlen.
Manchmal beginnen genau hier Veränderungen:
nicht durch neue Anforderungen,
sondern durch menschliche Begegnung.
Ein leiser Ausblick
Vielleicht stellt sich nach diesen Gedanken eine weitere Frage:
Wenn Teamkraft nicht gemacht werden kann,
sondern dort entsteht, wo Begegnung möglich wird:
Was braucht es dann im Arbeitsalltag, damit genau solche Räume entstehen können?
Darum wird es im nächsten Beitrag gehen.


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